ZoomIn: Kai Gondlach - "Die Macht der Zukunft(sforschung)!"

Im ZoomIn-Interview spricht Kai Gondlach über die Macht der Zukunftsforschung und warum Unternehmen lernen müssen, in möglichen Zukünften statt in festen Prognosen zu denken.


Kai, Zukunft ist Zukunft. Sie liegt vor uns. Wie kann man denn die Zukunft erforschen?

Indem man sich vom Singular löst – wir sprechen von Zukünften im Plural. Das öffnet schon sprachlich den Denkraum dafür, dass es eigentlich keine Zukunft gibt. Wie wir sie erforschen? Durch viel Forschung über die Vergangenheit und Gegenwart, denn daraus lässt sich bekanntlich viel lernen über die Meinungen, Mechanismen, Strategien und Pfadabhängigkeiten, die auch in die Zukünfte wirken. Hinzu kommt, dass wir in der Zukunftsforschung natürlich zuallererst die Frage stellen: Welcher Zeithorizont ist relevant, suchen wir ganz offen nach möglichen Entwicklungstendenzen (Trends) oder konkreten Gestaltungsräumen für unsere Kundschaft? Kurz: Wer die Muster der Vergangenheit versteht, trifft die besseren Ableitungen für zukünftigen Erfolg.

Du forschst seit einem Jahrzehnt. Wenn Du zehn Jahre zurück gehst: Wie sahen damals die Forschungsergebnisse für heute aus?

Das hängt vom Themenfeld ab. Technologische Delphi-Roadmaps waren schon immer sehr akkurat, wenn es darum ging, die Machbarkeit beispielsweise von KI-Systemen oder Antriebstechnologien im Mobilitätssektor zu prognostizieren. Womit sich viele schwertun, sind die gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen und Triebkräfte. Bis heute hat die Mehrheit die massiven Auswirkungen von „Social Media“ nicht verstanden. Politik und Gesellschaft unterliegen anderen Dynamiken, aber der aktuelle Rechtsruck ist beispielsweise keine Überraschung für aufmerksame Zukunftsforschende.

Wie verändert KI Deine Zukunftsforschung?

Ich bin noch schneller darin geworden, kurzfristige Veränderungen einzuordnen und Einschätzungen meiner relevanten Stakeholder zu sammeln und zu bewerten. Denken und analysieren muss ich trotzdem noch selbst! KI hilft mir beim Sortieren und Strukturieren der gewaltigen Datenmengen. Aber letztlich brauchen meine Kundinnen und Kunden meine Einschätzung, nicht die von ChatGPT, Claude oder Grok.

Du bietest die PROFORE Akademie an. Ein Produkt ist das Foresight Webinar. Dauer: 90 Minuten. Wie kann ich in anderthalb Stunden lernen, meine Zukunft anders zu gestalten als vorher?

Kaum – das Webinar ist nur ein Einstieg in die Welt von Foresight. Darin zeige ich die wichtigsten Gründe für Foresight, diskutiere ein paar unterschiedliche Strömungen und gebe einen Überblick auf die bewährte Szenariotechnik, die von erfolgreichen Unternehmen seit gut 50 Jahren angewendet und weiterentwickelt wird. Wenn das verfängt, und das tut es zum Glück oft, kann darauf aufbauend der Prozess in Gang gesetzt werden, in der eigenen Organisation Foresight zu implementieren, die vorhandenen Schnittstellen zu finden und zu einer immer resilienteren Struktur zu finden. Da es unser Produkt inzwischen bis ins Kanzleramt geschafft hat, bin ich guter Dinge, dass auch der Mittelstand sich bald auf den Weg machen wird, nicht mehr nur in den klassischen ökonomischen Modellen zu denken.

Wie sollten Unternehmen die „Macht der Zukunft“ bzw. die „Macht der Zukunftsforschung“ nutzen und wie sollten sie Ihre Teams schulen?

Der Kerngedanke ist eine 360°-Sicht aufs Unternehmen mit kontinuierlicher Vorausschau und Antizipation plausibler zukünftiger Ereignisse. Einfacher ausgedrückt: Mittelfristig sollte in allen relevanten Bereichen die Kompetenz in der strategischen Vorausschau vorhanden sein, es muss regelmäßigen cross-funktionalen Austausch über neuere Entwicklungen geben. Das Ziel ist es, immer wieder einen Realitätscheck der Außenwelt mit Prozessen, Strategie und Kultur nah am Geschäftsmodell ermöglichen. Da besonders der letzte Aspekt so wichtig ist, rate ich auch immer zum internen Aufbau des Foresight-Wissens statt isolierter Beratungsmandate oder Change-Projekte.