ZoomIn: Christian Kluge - Cyber Mobbing

Christian, wie sieht die perfekte Schulung aus, die mich als User gegen Cyber-Mobbing schützt?
Die perfekte Schulung ist, wie alles im Leben, ein unerreichbarer Zustand. Ich würde eher sagen: eine wirkungsvolle Schulung. Eine wirkungsvolle Schulung schützt Sie nicht nur passiv, indem sie Ihnen sagt, was Sie nicht tun sollen. Sie befähigt Sie aktiv einzuschreiten. Denn genau wie bei einem medizinischen Notfall entscheidet auch hier Courage und Handlungssicherheit über den Ausgang der Situation. Das bedeutet also:
Schockstarre überwinden: Das größte Problem bei Mobbing ist, genau wie bei einem Unfall, der Bystander-Effekt: Viele sehen, dass etwas passiert, aber niemand traut sich, einzugreifen. Man hat Angst, etwas Falsches zu tun und alles nur schlimmer zu machen.
Symptome wahrnehmen: Im Erste-Hilfe-Kurs lernen Sie, nicht nur auf den Verletzten zu schauen, sondern auch auf die Umgebung: Ist es ein Stromschlag? Tritt Gas aus? Im Beruf ist Mobbing weniger ein offensichtlicher Unfall, sondern eher wie ein farbloses, giftiges Gas in der Luft – es ist die subtile Ausgrenzung, das Vorenthalten von Informationen. Die Schulung ist der Teil, der Ihre Sinne für diese unsichtbaren Gefahren schärft.
Sichere Handgriffe lernen: Ein guter Erste-Hilfe-Kurs nimmt Ihnen die Angst etwas falsch zu machen, indem er Ihnen klare, erprobte Abläufe aufzeigt. Eine wirksame Schulung macht genau das: Sie gibt Ihnen ein sicheres Vokabular. Was sage ich als Mitleser im Chat? Wie signalisiere ich dem Betroffenen Unterstützung? Was ist der Eskalationspfad zur Führungskraft?
“Eine wirkungsvolle Schulung ist also eher wie ein Erste-Hilfe-Kurs für die soziale Interaktion im Unternehmen. Sie befähigt Sie aktiv zur Zivilcourage und gibt Ihnen die Sicherheit, im Ernstfall richtig Erste Hilfe zu leisten.”
In der analogen Kommunikation entstehen Missverständnisse immer schneller. Anders gesagt: Die Zündschnur bei Menschen ist immer kürzer. Beobachtest Du das auch beim Thema Cyber-Mobbing?
In der analogen Welt haben wir allerdings trotzdem ein reiches Set an Werkzeugen, um eine kurze Zündschnur doch noch zu entschärfen: ein Lächeln, eine beschwichtigende Geste, der Tonfall. All das fehlt im Chat oder in der E-Mail. Ein ironischer Satz ohne Emoji kann wie ein Angriff wirken.
Digitale Kommunikation ist also besonders anfällig, weil Ton, Mimik und Kontext oft fehlen. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle, unüberlegte oder sogar bewusst verletzende Nachrichten zu verschicken – teils anonym, teils impulsiv. Das Resultat: Konflikte eskalieren schneller.
Beim Cyber-Mobbing sehe ich zwei Effekte:
Die unbeabsichtigte Eskalation: Cyber-Mobbing-Fälle beginnen nicht immer mit einer bösen Absicht, sondern mit einem Missverständnis. Jemand reagiert auf eine vermeintliche Provokation, die nie eine war. Weil die klärende Körpersprache fehlt, schaukelt sich das im digitalen Raum rasant hoch.
Die bewusste Ausnutzung: Schlimmer ist, wenn diese kurze Zündschnur gezielt ausgenutzt wird. Leute werden absichtlich digital provoziert, bis sie explodieren – und diese Reaktion wird dann im Arbeitskontext wiederum gegen sie verwendet.
Die digitale Welt verkürzt die eh schon kurze Zündschnur also zusätzlich, weil sie uns die wichtigsten Werkzeuge zur Deeskalation nimmt. Genau deshalb brauchen wir hier viel bewusstere Regeln und mehr Achtsamkeit als im analogen Gespräch.
In der analogen Kommunikation entstehen Missverständnisse immer schneller. Anders gesagt: Die Zündschnur bei Menschen ist immer kürzer.
Beobachtest Du das auch beim Thema Cyber-Mobbing?
Das ist eine wichtige Beobachtung. Die Technologien werden immer raffinierter. Gestern war es die böse E-Mail, heute ist es ein herabwürdigendes GIF im Team-Chat, und morgen ist es vielleicht Ausgrenzung im Corporate Metaverse. Aber wir begehen bewusst nicht diesen Weg, der Entwicklung hinterherzujagen.
Nehmen Sie das Thema Künstliche Intelligenz. Gerade jetzt sehen wir, wie KI die Möglichkeiten für Cyber-Mobbing potenziell explodieren lässt: Denken Sie an KI-generierte, täuschend echte Beleidigungen, das Klonen von Stimmen für gefälschte Anrufe oder das schnelle Verbreiten von subtilen Falschinformationen über Kollegen. Die Plattformen und Methoden werden jeden Tag mächtiger. Aber hier ist der entscheidende Punkt: Die Plattformen ändern sich rasant, die menschliche Psychologie dahinter ändert sich fast gar nicht. Die Mechanismen von Ausgrenzung, Herabwürdigung, sozialer Isolation oder dem Bystander-Effekt – also dem Schweigen der Mitlesenden – sind dieselben. Ob ein verletzender Satz nun von einem Menschen getippt oder einer KI generiert wurde, ändert nichts an der Wirkung beim Empfänger oder an der Angst des Zeugen, einzugreifen. Wir nutzen KI stattdessen selbst als Werkzeug, um unsere Trainingsszenarien noch realistischer zu machen.
Unser Ansatz ist also vergleichbar mit dem Erste-Hilfe-Kurs. Dort lernen Sie die stabilen, universellen Prinzipien: Wie erkenne ich einen Schockzustand? Wie stoppe ich eine Blutung? Diese Prinzipien funktionieren, egal ob der Unfall durch ein Fahrrad oder ein modernes E-Bike verursacht wurde. Wir schulen daher nicht die Technologie, sondern befähigen den Ersthelfer.
Gemeinsam mit Funk Stiftung hat mybreev ein spannendes Trainings-Produkt rund um Cyber-Mobbing entwickelt. Dazu eine Frage: Wie kann ich durch ein Training meine Empathie schärfen? Wie sieht das konkret aus?
Empathie kann man nicht wie Vokabeln lernen. Man kann sie nicht lehren, man kann sie nur fördern. In einer digitalen Schulung, die ja erstmal kalt wirkt, gelingt das am besten über Perspektivwechsel und Immersion.
Konkret sieht das so aus: Wir arbeiten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit interaktiven, realistischen Szenarien. Der Lernende wird bei uns nicht nur als potenzielles Opfer oder Täter angesprochen, sondern vor allem in die mächtigste Rolle versetzt: die des Zeugen oder Mitlesers, um aus ihm einen Unterstützer zu machen.
Indem wir den Lernenden hinleiten, sich aktiv in die verschiedenen Rollen hineinzuversetzen und die Konsequenzen in einer sicheren Umgebung zu beobachten, schärfen wir das Bewusstsein und damit emphatisches Verhalten.
Du lehrst Sicherheitsmarketing an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung Bremen. Spannend. Was verbirgt sich hinter Sicherheits-Marketing?
Es geht ganz sicher nicht darum, Werbung für Alarmanlagen oder Antiviren-Software zu machen. Im Kern geht es beim Sicherheitsmarketing darum, den Wert von etwas Unsichtbarem sichtbar und begehrenswert zu machen.
Das Grundproblem von Sicherheit ist ja: Wenn sie funktioniert, passiert – nichts. Kein Datenleck, kein Unfall, kein Konflikt. Erfolg ist hier ein Nicht-Ereignis. Für die meisten Menschen ist Sicherheit daher im Alltag nur eine Hürde: das komplexe Passwort, die Firewall, die den Zugriff blockiert, oder der Helm, der unbequem ist.
Und genau hier schlägt das klassische Präventionsparadox zu: Weil die Prävention – also Passwort und Helm – erfolgreich war und das negative Ereignis – der Datendiebstahl, die Kopfverletzung – nicht eingetreten ist, beginnt der Mensch, die Notwendigkeit der Maßnahme in Frage zu stellen. Man sieht nur noch die lästige Hürde, nicht mehr die abgewehrte Gefahr.
Sicherheitsmarketing dreht diese Wahrnehmung um. Statt mit Regeln, Angst oder Zwang zu arbeiten, nutzt es die Werkzeuge des Marketings: Es nutzt Storytelling, Nutzenversprechen und positives Framing, um aus dieser lästigen Pflicht eine bewusste, positiv besetzte Entscheidung zu machen.
Es geht also darum, das Warum hinter einer Sicherheitsregel so zu vermitteln, dass Menschen das sichere Verhalten aus Einsicht und Überzeugung annehmen. Und da schließt sich der Kreis zum Cyber-Mobbing:
